Wenn es ums Reisen geht, da erinnere ich mich an einen Artikel, den wir bei der NAP – Vorbereitung (Nichtabiturentenprüfung für besonders begabte Berufstätige) in der Abendschule im Deutschunterricht lasen. Er unterschied das Reisen vom Urlaub. 

Laut diesem Artikel sucht der Urlauber das Gewohnte im Fremden, während der Reisende das Fremde in sich integriert und als sich selbst entfremdet nach Hause zurückkehrt. 

Die Heldenreise transformiert

Vielleicht hatte die Autorin bei diesem Artikel  die Heldenreise, wie sie Paul Rebillot so gut beschrieb, im Sinn. Diese Reise beschreibt einen Transformationsprozess der Held*in, die mehrere Erfahrungs-Stufen durchlaufen muss, um als Persönlichkeit zu reifen.

Am Anfang der Reise steht der Ruf, aufzubrechen und eine Aufgabe anzunehmen – bei mir selbst würde ich es als das Sehnen beschreiben, etwas Neues mit allen Sinnen zu erleben. Ich möchte in Kontakt kommen mit dem Fremden, mit an ihm reiben und mit diesen Erfahrungen reicher nach Hause zurückkehren. 

Und, ich bin einfach neugierig und zu reisen befriedigt diese Neugierde immens.

Ich habe über 50 Länder bereist

Letztens gab es bei FB mal eine Auflistung, bei der man ankreuzen konnte, in wie vielen Ländern man gewesen ist. Der Durchschnitt, schrieb die Autorin, läge bei 7. Ich war echt verblüfft, weil ich es auf über 50 brachte. 

In meinem Elternhaus war die weiteste Reise, die wir unternahmen, nach Altona in den Harz. Und mit meinem Vater war ich einmal in Venedig. Von zuhause habe ich also das Reise-Gen nicht mit bekommen, zumal damals auch das Geld dafür gar nicht zur Verfügung stand.

Auf in die Freiheit

Kaum war ich mit 18 J. ausgezogen, zog es mich schon in die Ferne. Mit der Motorrad-Clique fuhren wir natürlich nach Holland. Mit der Kriegsgräberfürsorge (reisen mit wenig Geld), ging es nach Belgien. Als Betreuerin auf Jugendfreizeiten bereiste ich u.a. England, Frankreich, und Norwegen. Ich verdiente mir so meine Reisen, weil ich das Geld dafür noch gar nicht hatte. Aber ich fand Möglichkeiten, und das zählt. Unvergesslich, der erste Halt auf einer Raststätte in England, um baked beans, waffles and sausages auf dem Teller vorzufinden. Ich plante die Jugendfreizeiten mit, was dazu führte, dass wir tolle Wanderungen, interessante Besichtigungen, und persönliche Besuche bei Menschen vor Ort erlebten. Darüber hinaus veranstalteten wir Feste für Kinder- oder wahlweise Senioren, was zwar mit viel Arbeit, aber megaviel Freude verbunden war. 

In einem Taxi nach Paris

Klar gab es auch die Reise mit dem Übernachtbus (auch wenn ein Taxis auch cool gewesen wäre), um völlig übernächtigt, aber glücklich in Paris herumzulaufen.

Italien außerhalb der Saison zu entdecken, mit einem Nudelbauch am Ende der Reise. Rom – so alt und so modern, einfach unvergesslich.

Prag, als Frühaufsteherin morgens auf der menschenleeren Karlsbrücke zu stehen, und die Morgenstimmung zu erleben, wie sie auf den Postkarten zu sehen war.

Mein Bruder führte mich in Boston ein, wie ich Loobster essen kann.

New York – mein erster Manhattan im Restaurant ganz oben auf einem der Twin-Towers, als es sie noch gab. Bagels mit Cream Cheese.

In Miami einen Espresso aus einer fingerhutgroßen Tasse zu trinken und den ganzen Tag davon aufgeputscht zu sein. 

Der Sog des Spiels

Das erste (und einzige Mal) in New York im Casino und zu merken, dass ich plötzlich verstehe, was Dostojewski in seinem Buch „der Spieler“ beschrieben hat.

Natürlich das MET und vor Monets Seerosen die Zeit vergessen.

Mit dem Rad durchs Baltikum, durch endlose Felder, ein wenig Herkunft meines Vaters schnuppern.

Ich bin zu nichts nutze

Von Süden nach Norden durch Vietnam radeln – die Gerüche und Geräusche aufnehmend, in Streetkitchens auf kleinen Hocker sitzend „Pho“ – Suppe essend. In Kontakt mit den Menschen kommen, so mit einer alten, Betel kauenden Bäuerin, bei der ich schnell durchgefallen war, weil sie herausbekam, dass ich weder Hühner besitze noch Reis anbaue und sie sich so gar nicht vorstellen konnte, wozu ich noch nutze sei. 

Neuseeland – gleich zweimal, weil die Zeit für alles nicht reichte. Auf einem Zeltplatz das Käuen der Gletscher zu hören. 

Trekking in Ladakh auf einer Höhe, wo der Himmel bis über den Erdrand hinaus reichte, und der Zauber, im Zelt zu liegen und mittendrin in diesem Wunder zu sein. In der Küche einer Ladakherin zu sitzen, Buttertee zuzubereiten und zu erleben, wie sich Matriarchat anfühlt.

Auf der menschenleeren chinesischen Mauer zu stehen und eine Epiphanie für das eigene Business zu bekommen.

Oder sich am öffentlichen Brunnen mit allen zusammen in Myanmar zu waschen oder durch Baghan zu radeln und kaum fassen zu können, was es alles wunderbares auf der Welt gibt. Auf einem Neujahrs-Reisfest eine der wenigen Langnasen zu sein.

In der Karibik zu lernen, dass das Meer warm ist und Rum schmecken kann.

Ich könnte die Liste noch ewig fortsetzen. 

Reisen bildet

Ich finde, zu reisen ist ein sinnliches Erleben. Zu sehen, wie andere Menschen leben, was möglich ist, erweitert total den Horizont und lässt mich demütig werden. Es gibt eben nicht nur eine – meine Lösung, um das Leben zu gestalten, eine Haltung, die ich oft bei anderen erlebe. Sondern es begeistert mich die Vielfalt in den Lebensentwürfen und Geschichten, die erzählt werden, um die Welt zu begreifen.

Wie die Welt entsteht

So bringe ich mir aus jedem Land eine Geschichte mit, wie in dieser Kultur die Entstehung der Welt erklärt wird. Super schön, diese Erzählungen, die davon sprechen, die Welt sei herbei gesungen worden, herbei geträumt etc. etc..

Reisen ist sinnlich

Ich glaube, ich reise, weil ich Staunen möchte. Weil ich mich vom Wunder und der Schönheit der Welt berühren lassen möchte. Weil ich Menschen begegnen möchte. Und weil meine Sinne die Geschmäcker, Geräusche und Gerüche der Welt so lieben, auch wenn sie nicht immer angenehm sind. 

All das erweitert nicht nur meinen Speiseplan. Ich liebe es, indisch zu kochen und empfinde, die vietnamesische Küche mit all den frischen Zutaten und den Kräutern als die leckerste der Welt. 

Ich habe auf meinen Reisen kaum Dinge gekauft, und wenn, waren es Sachen, die ich zuhause aufbrauche. 

Was ich im Geist mitgenommen habe, ist die Vielfalt, wie unterschiedlich „richtig“ sein kann. Das macht frei im Kopf und unabhängiger im Denken. 

Das Fremde in sich integrieren

Was auf Reisen auch passiert, wenn man sich dem Fremden aussetzt, ist, dass man aufgefordert ist, eine Haltung zu dem Erlebten zu gewinnen. Man muss, psychologisch gesprochen, das Fremde in sich integrieren, was zur Erweiterung der eigenen Persönlichkeit führt. Aus meiner Sicht gibt das auch mehr innere Sicherheit in einer sich stark veränderten Welt – und stellt damit einen Anker dar. 

Wenn Menschen „das Fremde“ nicht integrieren können oder wollen, weil es immer eine Moment der Unsicherheit während des inneren Umbaus gibt, bekämpfen sie das „Fremde“, in dem sie es wahlweise entwerten oder negieren.

Dann kommt es zum Wir und Die, wobei die Anderen immer als feindlich erlebt werden, weil sie „das Eigene“ unterwandern. Wenn wir reisen, bauen wir unsere Identität immer auch ein wenig um.

Das Gewohnte gibt Schutz

Wer das nicht so mag, macht lieber Urlaub. Das ist ja auch einer der Gründe, warum es Menschen gibt, die, wenn sie in andere Länder reisen, dort gern auch Schweinebraten und Sauerkraut vorfinden möchten. Das gibt ein hohes Maß an Sicherheit und Stabilität, was einen Urlaub oft auch weniger anstrengend sein lässt als eine Reise. 

Ich krieg den Blues

Auch für dieses Jahr hatte ich Reisen geplant – meinen Bruder zu besuchen, Florenz mit einer Freundin zusammen zu entdecken und Angkor Wat zu erleben. Nun, du kannst dir denken, was, angesichts von Covid-19, aus diesen Reiseplänen geworden ist. 

Ich kann meinem Hobby nur noch sehr eingeschränkt frönen, was mir schon mal den Blues bringt, wenn ich mich auf die Gefühle einlasse. Und wenn ich dann Artikel lese, wie man vermutet, dass sich das Reisen verändern wird, wird mir ganz wehmütig ums Herz. 

Eintauchen in fremde Welten

Meine Strategie, die ich schon als Kind hatte, greift jetzt wieder. Ich mache die Reise auf eine andere Art und Weise. Ich lese, wie immer schon, weil es mich in andere (Gedanken-) Welten führt. Und ich habe Fortbildungen gebucht, weil es mich persönlich und beruflich voranbringt und mich inspiriert. 

Reisen ist für mich Persönlichkeitsentwicklung. Meine erste Reise nach Belgien diente auch der Völkerverständigung und ich denke, die Begegnungen auf meinen Reisen, mit den Einheimischen aber auch mit Menschen, denen ich z.B. in den Hostels begegnete, auch eine Art Völkerverständigung sind.

Ich folge meinem Traum

Mein Traum, dem ich mehr und mehr näher komme ist, mit Menschen auf der ganzen Welt online arbeiten zu können. Einer der Gründe, warum ich so dran bleibe, gut Englisch sprechen zu lernen. 

Das ist dann ein wenig wie zu reisen. Und versöhnt meine Seele ein bißchen.

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